Luftballons, falsche Panzer und ein deutsches Kriegslied – Tag des Sieges in Bischkek

Vom ZUM gehe ich die Straße zum Bischkeker Platz des Sieges hinunter. Es ist der 9. Mai. Mein erster richtiger Tag des Sieges in der ehemaligen Sowjetunion. “Ich möchte Panzer sehen!” sage ich zu meiner Begleiterin. Die Sonne strahlt.

Die Straßen rund um das Denkmal mit der ewigen Flamme sind abgesperrt, nur der Gehweg ist frei. Familien mit kleinen Kindern sind unterwegs. Frauen verkaufen Eis, Luftballons und das immer gleiche billige chinesische Plastikspielzeug.

Wo sind unsere Panzer?
Soldaten bewachen einige Geschütze, einen Schützenpanzer und einen Panzer. Obwohl er richtig schön alt aussieht, bin ich etwas enttäuscht. Ich bin nicht der einizige. “Unsere ganze technika – zwei Мaschinen!” sagt eine Frau im vorbeigehen.

Gibt es keine Parade mit technika?” fragt eine junge Mutter einen Polizisten. Der zuckt nur die Schultern.

Ich stelle die Vermutung an, dass die Leute zu viele Paraden im russischen Fernsehen gesehen haben und jetzt übertriebene Erwartungen haben. Bei mir ist das auf jeden Fall so. Aber meine Begleiterin sagt, dass in den letzten Jahren in Bischkek immer Panzer aufgefahren sind.

Selfie mit dem Veteranen
Auf einmal bittet mich ein älterer Kirgise, ein Foto von ihm und einem alten Russen zu machen, der eine Baseballmütze, eine Sonnenbrille und eine Menge Orden auf der Brust trägt. Auf einer steht “1945-1965”. Ein richtiger Veteran! Ich mache das Foto mit dem Handy des Kirgisen und bleibe neben den beiden stehen, um ins Gespräch zu kommen. Ich weiß nicht so richtig, was ich sagen soll.

Der Kirgise fragt, wo ich herkomme. Holland, antworte ich. Heute bin ich vorsichtshalber kein Deutscher. Er sagt dann etwas über Cruyff, Tulpen und 1974. Der Veteran sagt nichts. Ein junger Mann kommt und macht ein Selfie mit den beiden, von denen ich annehme, dass sie alte Freunde sind. Vielleicht kennen sie sich noch von der Armee.

Gibt es diese Parade jedes Jahr?” frage ich. “Ja jedes Jahr!” antworter der Kirgise. “Und kommen Sie jedes Jahr?” “Ja, jedes Jahr!

Der Veteran schweigt. “Gibt es keine Parade mit technika, mit Panzern, Flugzeugen?” fragt ihn ein junger Mann mit Kinderwagen. Wer mal beim Militär war, muss so was ja wissen. Er schüttelt den Kopf.

Dann schüttelt er dem Kirgisen kurz die Hand und geht und ich merke, sie sind wohl doch keine alten Freunde. Heute wollen alle mit ihm reden und Fotos von ihm und seinen Orden machen. Mich eingeschlossen. Auf einmal rieche ich auch den Alkohol auf dem Atem des alten Kirgisen. Ich gehe weiter, die Militärparade geht gerade zu Ende. Ein Musikzug marschiert vorbei.

Kinderwagen in der heißen Sonne
Auch auf dem Platz vor dem Sieges-Denkmal sind viele Familien mit Kinderwagen in der heißen Mittagssonne unterwegs.

Um die ewige Flamme, umgeben von einem Ring aus Blumen und Kränzen drängen sich Menschen. Auf der einen Seite Fotografen, die Kommandos zurufen, und Leute, die mit Selfies machen. Auf der anderen Seite Besucher mit ernsten Gesichtern.

Mandarin und Esperanto
Ich stelle mich ein wenig abseits hin und schaue mich um. “Wissen Sie, was hier gefeiert wird?” spricht mich ein Junge auf Englisch an. Ich tue als hätte ich keine Ahnung und er erklärt mir, dass es um den Sieg über Nazideutschland geht. Als ich auf seine Frage hin sage, dass ich aus Holland komme, erklärt er mir, dass Wilhelm II. nach dem ersten Weltrkieg dort gelebt hat, dass wir mal zu Spanien gehört haben und dass es einen Wilhelm von Oranien gegeben hat. Es ist mehr historisches Wissen als ich in Kirgistan jemals von einer Person gehört habe.

Ich frage ich dann, wo er zur Schule geht und was er nächstes Jahr studieren möchte. Meine Begleitung fragt hingegen, wer ihm zufolge der nächste “Feind” wird. Er meint China. Als ich daraufhin meine zwei Sätze auf Mandarin sage, antwortet er auf Mandarin.

Du glaubst, China wird der nächste Feind und lernst trotzdem Chinesisch?” fragen wir.

Das ist eine wichtige Sprache für die Zukunft, ich gehe jede Woche zum Kurs.” Im Moment lernt er auch Esperanto , um dann damit besser Spanisch und Französisch lernen zu können.

Singen wir das Lied vom Tod in Flandern
Er trägt eine Armeemütze und als wir ihn danach fragen sagt er, dass er sich für Geschichte und besonders fürs Militär interessiert. “Ich mag Deutschland im ersten Weltkrieg, ich kenne sogar ein Lied…” Dann fängt er an auf Deutsch zu singen,

Der Tod reitet auf einem kohlschwarzen Rappen
Er hat eine undurchsichtige Kappen…

Es ist das Lied “Der Tod in Flandern.” Dort geht es erstmal mehr um Tod als um Helden und es wurde wohl eher in der Zwischenkriegszeit populär. Wikipedia zufolge wurde es aber dann auch in Liederbücher von Hitlerjugend und SS aufgenommen.

Ich bin beeindruckt. Bisher habe ich keinen meiner Studenten auf Deutsch singen gehört. Trotzdem ist es absurd, dass mir am 9. Mai auf einem Denkmal des Sieges über Nazideutschland ein deutsches Kriegslied vorgesungen wird. Aber bin ich ja als Holländer hier.

Das Unsterbliche Regiment marschiert vorbei
Wir gehen zusammen mit dem Jungen zurück zur Sowjetskaja-Straße, wo gerade der Zug des “Unsterblichen Regiments” vorbeikommt, einer in Russland entstandenen “gesellschaftlichen Aktion”. Da für die 9. Mai Feierlichkeiten immer weniger echte Veteranen verfügbar sind, began man dort vor einigen Jahren, am Tag des Sieges Fotos von Veteranen zu tragen. Mittlerweile finden solche Märsche weltweit dort statt, wo es genug Russen gibt, seit 2013 auch in Kirgistan.

Es nehmen beeindruckend viele Menschen teil. Manche tragen Rotarmistenkappen, andere ganze sowjetische Weltkriegsuniformen. Unser junger Freund ist ein wenig neidisch. “Wo bekommt man die?

Es sind auffallend viele Russen dabei, aber auch junge Kirgisien in Uniform und ganze Universitätsfakultäten, zum Beispiel die juristische Fakultät. Aus dem Menschenstrom erklingen ständig Parolen. “Hitler kaputt!” ruft jemand, “Hurraaaaa!” wird ihm geantwortet.

 

Ich schaue zu und denke darüber nach, was das alles bedeutet. Die Stimmung ist ausgelassen, die in der Sonne marschierenden Menschen wirken glücklich.

Danke für den Sieg, Großvater!” ruft ein kleiner Junge schüchtern. “Huraaaaa!” erklingt es wieder.

Für mich ist es seltsam, dass das Gedenken an einen katastrophalen Krieg, in dem Millionen gestorben sind, so aussieht. Anders als in Deutschland geht es hier nicht darum, dass es Krieg nie wieder geben soll. Man freut sich einfach über den Sieg vor 73 Jahren.

Ruhm dem Volk der Sieger!” – “Huraaaaa!

In Russland freut man sich am 9. Mai auch über die eigene Armee, die das Land verteidigen und kleinere Nachbarländer überfallen kann.

Starke Armee, starkes Land!” – “Huraaaaa!

Kirgistan hat keine starke Armee. Hier betont man bei diesem Marsch wohl eher die Verbundenheit mit Russland und das gemeinsame sowjetische Erbe.

Ruhm der Sowjetarmee!” – “Huraaaaa!

Doch noch Panzer
Nachdem alle Menschen vorbeigelaufen sind, kommen ein paar alte Jeeps und Autos mit künstlichen Geschütztürme auf dem Dach.

Ein Geländewagen hat sogar sowjetsiche Flaggen und die Aufschrift  “Nach Berlin.”

So sehe ich heute doch noch so was wie Panzer.